KURZGESCHICHTEN
 

Zwei Männer sitzen einander in einem
US-Hochsicherheitsgefängnis gegenüber.
Sie sprechen über den größten Massenmord
aller Zeiten - und über das Ende der Zukunft
der Menschheit.

Die letzte Runde
von Viktor Farkas

  "Haben Sie jemals den Wunsch verspürt, einen anderen Autofahrer umzubringen, der Ihnen den letzten Parkplatz wegschnappt?"
Sie sahen einander an, der Journalist, an den die Frage gerichtet war, und der Biochemiker, der sie gestellt hatte.
  "Schon oft," antwortete der Angesprochene und fügte herausfordernd hinzu: "Sie vielleicht nicht?
  "Aber selbstverständlich." Der Biochemiker war ungerührt. Seine haselnußbraunen Augen in dem schmalen Gesicht, das schon beinahe klischeehaft den Typus des Wissenschaftlers widerspiegelte, blickten gelassen. "Gewalttätigkeit im Straßenverkehr ist die natürlichste Sache der Welt. Sie gehört doch zu Ihrem täglichen Brot als Mann der Medien." Er beugte sich etwas vor und starrte seinem Gegenüber direkt in die Augen. Für einen Moment schien nicht der Biochemiker der Angeklagte zu sein, sondern sein Gesprächspartner, der freiwillig in den Hochsicherheitstrakt des ausbruchssicheren Green Haven Stormville-Gefängnis im Staate New York gekommen war.
  "Vielleicht können Sie mir noch eine Frage zu einem anderen Phänomen beantworten, das Ihnen als Journalist wohlvertraut sein dürfte. Wollen Sie?"
Der Angesprochene nickte. "Will's versuchen", erwiderte er vorsichtig. "Wie lautet sie, Professor?"
  "Sie lautet: Was ereignet sich ausnahmslos, wenn Menschen anderen Menschen mit Haut und Haaren ausgeliefert sind, wenn keiner fragt, was mit den Wehrlosen geschieht, wenn niemand für irgend etwas zur Verantwortung gezogen wird?"
Die Frage kam völlig unerwartet. Der Überrumpelte setzte zu einer Antwort an, hielt inne, räusperte sich, und klappte den Mund wieder zu. Nach sekundenlangem Schweigen, während dem sich der sardonische Blick des Wissenschaftlers wie ein Laserstrahl in sein Gehirn zu bohren schien, würgte der Journalist die einzig möglich Antwort heraus: "Es kommt zu Übergriffen."
  "Wie vornehm ausgedrückt", höhnte der Biochemiker. Nur keine Gewalt der Worte, wie es heute so edel heißt. Nennen wir einen Mörder einfach ‚ungestümer Selbstverwirklicher' und schon ist die Welt gleich ein Stück besser. Nein, lieber Freund, es kommt zu keinen ‚Übergriffen', es kommt unweigerlich zu Greueltaten. Wieso eigentlich? Wieso pflegen Menschen ihnen ausgelieferte Artgenossen bestialisch zu quälen und nicht selten umzubringen, auch wenn diese ihnen gar nichts getan haben, ja, sie die Opfer nicht einmal kennen? Könnte man sich nicht ebensogut zusammensetzen und etwas Sinnvolles tun, vielleicht sogar Freundschaft schließen?" Der Häftling erwartet offenbar gar keine Antwort, denn er fuhr mit seltsam eindringlicher Stimme fort:
  "Was mich interessieren würde ist, wieso jedermann rabiate Autofahrer, Greueltaten und Gemetzel für völlig normal hält."
Dieser Rollentausch irritierte den Journalisten. Mit einem Mal überfiel ihn ein Gefühl der Unwirklichkeit. Konnte das alles real sein? Er, ein hochbezahlter Spitzenschreiber der New York Times und unbescholtener Steuerzahler - wenn man von gelegentlichen Schwarzeinnahmen absah - wurde vom größten Massenmörder aller Zeiten gefragt, was er für normal hielt. Na schön, warum sollte sich ein Monster nicht Gedanken über die brutale Unvernunft seiner Artgenossen machen? Vielleicht war das sogar ein guter Einstieg in das außergewöhnlichste Interview seiner gesamten Laufbahn.
  "Nun," der Journalist kratzte sich am Kinn, um Zeit zu gewinnen, "ich denke, weil es normal ist. Immerhin sind wir eine gewalttätige Spezies, die vor stammesgeschichtlich sehr kurzer Zeit noch Keulen geschwungen hat." Langsam kam er in Fahrt. Es machte sich jetzt bezahlt, daß er dem Thema "Gewalt in der menschlichen Geschichte" wiederholt Aufmerksamkeit gewidmet hatte. Konnte das vielleicht der Grund dafür sein, wieso er jetzt hier saß, und nicht irgend ein anderer, ebenso prominenter Kollege aus der schreibenden Zunft? Wie auch immer, er war willens und in der Lage, den Ball aufzunehmen:
  "Aggressivität ist, wie es scheint, ein zusätzlicher Selektionsvorteil", dozierte er weiter. "Wenn eine Art keine natürlichen Feinde mehr hat, beginnt sie sich dann sozusagen selbst auszuselektieren."
Das mußte gesessen haben. Der Journalist war gespannt, wie der Mann, der mit Vorsatz, Bedacht und genialer Planung ein Virus entwickelt und freigesetzt hatte, das AIDS und sogar Ebola und seine Abkömmlinge an Tücke und Effektivität weit übertraf, und der mit seiner Schöpfung bis zur Stunde mehr als ein Fünftel der Menschheit ins Jenseits befördert hatte, den Faden weiterspinnen würde.
  "Hochinteressant," stellte der Biochemiker fest. "Vielleicht ein wenig zu simpel. Glauben Sie im Ernst, daß sich mit diesem Vulgärdarwinismus der flagrante Irrsinn der menschlichen Spezies wirklich erklären läßt?"
  "Wieso nicht?"
  "Weil ein solches Verhalten in der gesamten belebten Natur absolut einzigartig ist. Ich erlaube mir sogar die Behauptung, daß derartiges im Universum einmalig dasteht. Dies ist meine unerschütterliche Meinung, und darum bin ich hier und nicht in Stockholm, um den Nobelpreis entgegenzunehmen, den ich für den Aufbau des Enzyms Annihilase mit Sicherheit erhalten hätte."
Diese Behauptung war nicht übertrieben. Allerdings sollte der von Alfred Nobel gestiftete Preis die friedliche Nutzung der Wissenschaft fördern. Forscher, die ihre Entdeckung zum Massenmord einsetzten, kamen nicht in die engere Wahl. Bei einem Negativ-Nobelpreis für den größten Menschheitsvernichter hätte der raffiniert argumentierende Amokläufer auf der anderen Seite des Metalltisches allerdings gute Chancen gehabt. Genug der Reflexionen. Der Journalist hatte einen Job zu tun. Es war ganz hilfreich, daß der Unmensch die Initiative an sich gerissen und das Gespräch in Gang gebracht hatte. Der Interviewer hätte kaum mit Sätzen wie "Sie haben einen beträchtlichen Teil der menschlichen Spezies eliminiert. Was sind Ihre nächsten Pläne?" beginnen können. Fanatiker brannten meistens darauf, Enthüllungen von sich zu geben. Man brauchte nur ihre Gedankengänge aufzugreifen, und sie zum Reden zu ermuntern. Das tat der Journalist: "Am besten, Sie beginnen am Anfang, Professor. Es ist doch okay, daß mein Tonband mitläuft, oder?"
  "Selbstverständlich. Im übrigen habe ich bereits begonnen."
  "Sie meinen, Ihre Frage, ob ich hinter dem Lenkrad auch von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde mutiere, ist bereits ein Hinweis darauf, warum Sie sich entschlossen haben, statt einem möglichen Nobelpreis die Gaskammer oder den lebenslangen Aufenthalt in einer geschlossenen Anstalt zu wählen? Von einer nicht eben lobenden Erwähnung in den Annalen der Wissenschaft und in der Geschichte einmal ganz abgesehen?"
  "Korrekt."
  "Stimmen Sie mir zu, daß etwas weitergehende Erklärungen angebracht wären?"
  "Durchaus. Genau darum habe ich Sie kontaktiert, einen Journalisten, der in meiner Richtung publiziert hat." Das war etwas kraß ausgedrückt, schließlich hatte der Interviewer noch niemals vorgeschlagen, die Menschheit durch Ausrottung zu heilen, aber was sollte es. Man kam langsam zum Kern der Sache. Die nächsten Worte bestätigten es.
  "Es wird Sie vielleicht erstaunen, aber ich war immer schon ein Menschenfreund mit extrem ausgeprägtem Verantwortungsgefühl", erklärte der Wissenschaftler. Dabei lächelte er philantropisch. Seinen Gesprächspartner überraschte diese Aussage nicht sonderlich. Viele Monstren in Menschengestalt sahen sich als Heilsbringer.
Der "Menschenfreund" führte weiter aus: "Im Gegensatz zum Großteil meiner Gesinnungsgenossen in Sachen Menschenliebe empfinde ich sehr tief für alles Lebendige überhaupt. Und ich bin ein Gerechtigkeitsfanatiker. Die ideale Voraussetzung für einen inneren Konflikt, finden Sie nicht?"
Und für Wahnsinn, dachte der Angesprochene während er antwortete: "Scheint mir auch so."
  "Daß wir einander mit Ausdauer, Phantasie und Begeisterung foltern, verstümmeln und abkehlen, Drogen konsumieren und uns selbst schädigen, wo es nur geht, ist schon bedenklich genug, aber was wir mit ‚Bruder Tier', im Grunde mit der gesamten Natur auf unserem Planeten, anstellen, schreit zum Himmel, oder sind Sie anderer Meinung?"
Diese Vorwürfe gegen die Spezies Mensch konnte man schwer entkräften. Es trug auch nicht zur Gemütsruhe des Journalisten bei, daß die Erde durch die Spezies, der sie untertan war, heute wie damals in ein gigantisches Schlacht- und Irrenhaus verwandelt wurde. Er schüttelte unwillig den Kopf.
  "Nicht ungeduldig werden," sagte der Forscher, der eine moderne Büchse der Pandora geschaffen und geöffnet hatte.   "Ich bin gleich auf dem Punkt. Noch eine Privatfrage, dann werden Ihre Leser auf ihre Kosten kommen. Also: Stellen Sie sich vor, mächtige Außerirdische würden über uns zu Gericht sitzen, und uns nur dann verschonen, wenn eine einzige irdische Tiergattung ein gutes Wort für uns einlegt, niedere Formen wie Bakterien oder Parasiten nicht eingeschlossen. Wie müßte ein solches Tribunal entscheiden?"
Tierische Fürsprecher? Eine skurrile Idee. Wer würde unsere Haut retten? Die Katzen? Eher nicht. Die Pferde? Schon gar nicht. Bei ehrlicher Einschätzung nicht einmal die Hunde. 50 Milliarden Schlachttiere jährlich, die meisten davon unter bestialischen Bedingungen gehalten und grausam geschlachtet, Tiertransporte, Robbenmassaker, sinnlose Tierversuche - eine Liste des Grauens, in der Tat kein Ruhmesblatt für den "denkenden Menschen". Fürwahr: Nichts, was da kreucht und fleucht, hätte Veranlassung, unseren Abgang zu verhindern, mußten wir doch für alle anderen Lebewesen der Teufel selbst sein.
  "Mit einem Schuldspruch", gab der Journalist die erwartete - und im Grunde unvermeidliche - Antwort auf die unbeschreibliche Grausamkeit des Homo sapiens.
  "Genau. Und nun zu meinem Fall. Sie können mich als Wissenschaftler betrachten, der aus reinen Vernunftsgründen an der Menschheit verzweifeln mußte. Damit wäre ich kein Einzelfall. Auch anderen war bewußt, daß mit uns etwas ganz Entscheidendes nicht stimmt, aber sie hatten nicht die einmalige Chance, die Wahrheit zu erkennen." Er hielt inne.
  "Und Sie kennen die Wahrheit?" drängte ihn der Journalist zum Weitersprechen.
  "Allerdings. Ich habe eine Antwort auf die wahnsinnige, selbstmörderische Bestialität unserer Spezies. Das Entscheidende aber ist: Ich bekam die Mittel in die Hand, um mehr zu tun, als philosophische Traktate von mir zu geben. Aber eines nach dem anderen. Zuerst die Fakten, dann die Theorie und zuletzt die logische Konsequenz. Zuvor möchte ich von Ihnen wissen: Haben auch Sie eine Antwort auf den ‚Horror Mensch'?".
Schon wieder überrumpelt. Der Angesprochene überlegte kurz, dann nahm er die Herausforderung an.
  "Niemand hat behauptet, der Mensch sei vollkommen", hielt er dem Wissenschaftler entgegen. "Wir sind wahrscheinlich - wie es Konrad Lorenz so beißend formuliert hat - das fehlende Glied zwischen Affe und Mensch. Unsere technologische Entwicklung hat klarerweise mit unserer stammesgeschichtlich-moralischen nicht Schritt gehalten, und so führen wir uns auf wie Neandertaler mit Computern und Wasserstoffbomben. Sie wissen besser als ich, daß die Gehirnentwicklung mit dem Cro Magnon stehengeblieben ist."
  "Das weiß ich allerdings, lieber Kollege. Mit dieser Erklärung lügen wir uns in die eigene Tasche, seit Mendel und Galton Vererbungslehren formuliert haben. Sie ist auch sehr elegant, nur leider vollkommen falsch, denn sie zäumt das Pferd beim Schwanz auf."
  "Was meinen Sie damit?"
  "Überlegen Sie einmal...", setzte der Biochemiker zu einem Monolog an. Dankenswerterweise konnten Tonbandaufnahmen zusammengeschnitten werden. Fürsorglich stapelte der Journalist einige Leerkassetten neben dem Rekorder auf.
  "Die ‚Erklärung', daß ein Mensch beispielsweise mordet, weil er eben ein Mörder ist, würde Ihnen doch auch nicht genügen. Wir gehen kommoderweise davon aus, daß der Homo sapiens - eigentlich keine sehr passende Bezeichnung - in ferner Vorzeit ein wilder Bursche war, und den Kinderschuhen bis dato noch nicht ganz entwachsen ist. Das stimmt nur teilweise. Der Frühmensch hat sich, ebenso wie unsere Zeitgenossen, deutlich von allem unterschieden, was sonst noch die Erde mit ihm teilt. Im Gegensatz zum Tier ist der Mensch nämlich ein Mörder, und zwar ein heillos verrückter Mörder, der sich sogar selbst das Messer ansetzt. Denken wir bloß an das ‚Gleichgewicht des Schreckens'. Es konnte der Zivilisation nur deswegen fast ein halbes Jahrhundert Frieden bescheren, weil beide Seiten wußten, die nuklear attackierte gegnerische Supermacht würde todsicher zurückschießen, obgleich in dieser Situation nur der Verzicht auf Vergeltung die gesamte Menschheit noch retten könnte. Eine ganz schön verrückte ‚Sicherheit'. Oder unser Bestreben, in voller Kenntnis der Gefahr durch hemmungslose Vermehrung auszusterben - eine absolut einzigartige ‚Leistung' im Stammbuch des Lebendigen. Dasselbe gilt für das Dogma vom ewigen Wirtschaftswachstum, obwohl jeder, der seine fünf Sinne beieinander hat weiß, daß derartiges in einem endlichen System wie es die Erde nun mal ist, absolut tödlich sein muß. Aber wir können uns das Überleben offenbar nicht leisten. Ich könnte ähnliche Widersinnigkeiten noch endlos aufzählen, möchte Sie aber nicht ermüden. Sagen Sie mir, klingt das alles für eine denkende Spezies nicht ziemlich irrsinnig?"
  "In diesen Formulierungen schon."
  "Bitte, formulieren Sie es anders."
Der Journalist konnte nur abermals den Kopf schütteln. Ein wahnsinniger Zug in der menschlichen Natur ließ sich kaum wegdiskutieren. Trotzdem war es langsam Zeit, zur Sache zu kommen. "Worauf wollen Sie eigentlich hinaus, Professor?"
  "Meine Einsicht ist im Grunde ganz naheliegend. Der Mensch ist heute deshalb verrückt, weil er es in seinem Frühstadium bereits war, und - ich bitte um größte Aufmerksamkeit - weil es einen Grund dafür gibt, der nicht evolutionistischer Natur ist. Er ist vielmehr außerevolutionistischen Ursprungs, um es einfach auszudrücken." Der Forscher lehnte sich zurück. Jetzt war es heraus, nun mußte der Groschen fallen, diese Erwartung stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Der Groschen war jedoch nicht gefallen. "Was meinen Sie mit außerevolutionistisch? Welchen Ursprung soll unser nicht zu leugnender Wahnsinn, wie auch unser wahrscheinlicher Totentanz, denn Ihrer Meinung nach haben?"
  "Außerirdischen."
Schweigen. Nun war es soweit, die Maske der Rationalität war verrutscht. Nach einer halben Minute, die wie eine Ewigkeit anmutete, fragte der Journalist behutsam: "Außerirdisch? Sie meinen: aus dem Weltall, ein Eingriff überlegener Intelligenzen?"
  "Genau."
  "Haben Sie dafür Indizien oder Beweise, etwas Konkreteres als unser Verhalten?"
  "Selbstverständlich. Halten Sie mich für verrückt?" Nach dieser rhetorischen Frage erklärte der Biochemiker: "Auf die ersten Hinweise bin ich bei Experimenten im Bereich der Autoimmunreaktionen gestoßen. Man könnte es auch populärer ausdrücken: bei der Allergieforschung. Wie Sie vielleicht wissen dürften, gibt das menschliche Immunsystem manche Rätsel auf. Seine wahre Natur ist im Grunde unbekannt. Was nun die Allergien betrifft, so kann man sich nach unseren Erkenntnissen keinen evolutionistischen Entwicklungsprozeß vorstellen, der Antikörper dazu veranlassen mag, sich gegen das eigene System zu wenden - es sei denn...". Der Wissenschaftler legte eine sekundenlange Pause ein, in der die Temperatur in dem düsteren Backsteingebäude um einen Grad zu fallen schien. Dann vollendete er den Satz: "...tief in unseren Zellen, Chromosomen und Genen geistern uralte, fremde Elemente herum, die nicht hierhergehören, aber erbstabil sind." Er lächelte entrückt.
  "Wenn ich Sie richtig verstehe, haben Sie in der menschlichen Erbsubstanz Spuren fremder Genombestandteile gefunden, die unverändert von Generation zu Generation weitergegeben werden und die so etwas wie künstlich induzierten Wahnsinn bewirken?"
  "Sie haben mich richtig verstanden. Natürlich waren meine Nachforschungen extrem komplexer Art. Ich kann hier nur andeuten, worauf ich im Prinzip gestoßen bin. Spezifische Untersuchungen wie zum Beispiel Chromosomenanalysen und Zellkernhybridisierungen haben eindeutig einen unnatürlichen Sprung zwischen dem Frühmenschen und seinen Vorgängern, den Primaten, ans Licht gefördert. Die genauen Daten finden Sie in den Unterlagen, die mein Anwalt Ihrer Redaktion zugehen läßt. Aus all dem habe ich meine Theorie entwickelt, und bin schließlich zur Tat geschritten, die sich daraus zwingend ergibt." Der Wissenschaftler holte kurz Luft.
  "Der außerirdische Ursprung, von dem Sie sprechen, ist noch nicht die ganze Theorie?", hakte der Journalist nach. Er wollte dieses exotische Denkgebäude mit allen seinen krausen Facetten zur Gänze kennenlernen.
  "Selbstverständlich nicht. Ich fragte mich, wozu eine weit überlegene Intelligenz so etwas tun sollte. Was würden Sie vermuten?"
  "Ein Experiment?"
  "Exakt. In gewisser Weise ein ‚Super-Milgram-Experiment'. Im vorliegenden Fall der praktische Feldversuch, wie lange eine Spezies durchhalten kann, die in der Wurzel wahnsinnig und bestialisch ist - und wie weit sie kommt. Ich für mich habe die einzig mögliche Schlußfolgerung gezogen. Sie lautet: wir sind weit genug gekommen. Ich weiß nicht, ob wir es schaffen werden, den Weltraum mit uns selbst zu verseuchen, oder ob die Experimentatoren vorher ‚Halt' sagen. Dieses Risiko wollte ich nicht eingehen. Annihilase ist die Antwort auf alles. Sie wird unseren früher einmal paradiesischen Planeten von einer Gattung befreien, deren Mitglieder einander mit Genuß allen nur vorstellbaren Foltern unterwerfen, einer Spezies, die nichts dabei findet, die hilflosen Tiere aus reinem Spaß, Luxus oder Profitgier viehisch zu quälen oder unvorstellbar grausam zu schlachten, und die unentwegt vom ‚Recht' auf maßlose Ressourcenverschwendung und schrankenlose Vermehrung faselt. Einer Spezies, die kurz und gut, der Todfeind der Natur ist. Das sollen Sie niederschreiben, mein Freund, auch wenn es Ihren Lesern im Grunde nicht neu sein dürfte. Schließlich liest sich jede Zeitung bei ehrlicher Beurteilung ohnedies wie ein Bericht aus einem Irrenhaus, aber Ähnliches bemerkte ich ja bereits."
Der Journalist hatte das Gefühl in einem Alptraum gefangen zu sein. War der Mann vor ihm verrückt, war es die Menschheit, oder wurde er selbst langsam verrückt? Er mußte den Bann durchbrechen.
  "Ihre Rechnung wird nicht aufgehen," sagte er schließlich zu dem Biochemiker, der eben die Hand nach dem Klingelknopf ausstreckte, um den Wärter zu rufen.
  "Wieso nicht?"
  "Überlegen Sie doch auch: Die Menschheit hat bisher immer noch jede Geißel besiegt. Krebs und AIDS sind unmittelbar an der Reihe. Auch Ihrem künstlichen Monster wird von Ihren Kollegen rechtzeitig der Giftzahn gezogen werden."
  "Das ist möglich, aber es hilft nichts, denn Sie haben meine Theorie noch nicht vollständig gehört."
Der Journalist spürte, wie sich seine Nackenhaare sträubten. Eine fühlbare Spannung schien den kargen Raum plötzlich zu erfüllen, in dem so nonchalant über das Schicksal der Menschheit gesprochen wurde.
  "Ihre vollständige Theorie? Was fehlt noch?"
Der unvermeidliche Abschluß des Experiments, oder Abbruch, die Bezeichnung ist Geschmackssache. Ich mußte mich natürlich fragen, was die Experimentatoren für den Fall vorgesehen haben, wenn jemand in ihre Versuchsanordnung eingreift, beziehungsweise die ganze Sache publik wird. In beiden Fällen, so erscheint es mir völlig logisch, müßte ein Endzeit-Programm aktiviert werden, eine schlafende Selbstmord-Triggerschaltung in den Genen der Spezies Mensch, die den Versuch zur absoluten Kulminierung führt. Sie wissen, was das nur sein kann?"
Der Journalist wußte es: Das endgültige "Aus". Er nickte.
  "Also gut. Ich habe in das Experiment eingegriffen und Sie - oder einer Ihrer Kollegen, denen meine Unterlagen parallel zugehen - werden es publik machen. Man kann es drehen und wenden wie man will, der Ausgang steht fest. Ich würde sagen: Der Countdown für den Homo sapiens läuft bereits. Einen schönen Tag noch."
Beide erhoben sich.

*

Hinter den zugezogenen Vorhängen des luxuriös eingerichteten Arbeitszimmers einer Millionärsvilla im sonnigen Kalifornien saßen fünf Männer um einen wuchtigen Tisch. Vier Generäle, deren Macht nur von ihrem Fanatismus übertroffen wurde, und der Gastgeber, ein unauffälliger Zivilist mit vielleicht noch mehr Einfluß. Eine Versammlung, die die Welt aus den Angeln heben konnte. Und die genau das plante.
  "Ich glaube, wir sind uns einig, meine Herren," sagte der wortführende Uniformierte zum Abschluß. "Unser Angriff ist unvermeidlich. Lügen können uns nicht täuschen. Die schreckliche Seuche ist das Werk unseres alten Feindes im Kreml und nicht dieses Wissenschaftlers, der dafür verantwortlich sein soll. Eines Feindes, der in seinem gegenwärtigen Schwächezustand diesen heimtückischen Angriff einer nuklearen Konfrontation vorgezogen hat. Das ist der geschichtliche Augenblick, um die Erde ein für alle Mal durch einen totalen Atomschlag von ihm zu befreien bevor er sich wieder erholt hat. Die letzten Entwicklungen zeigen klar und deutlich, daß wir keine Sekunde verlieren dürfen!"
Er stand auf. Die anderen taten es ihm gleich. Sie reichten einander die Hände, Stolz und Entschlossenheit im Blick. Jawohl, die Zeit zum Handeln war gekommen...!

***


 

Farkas - Leser wissen mehr!